{"id":3717,"date":"2023-05-16T11:43:43","date_gmt":"2023-05-16T09:43:43","guid":{"rendered":"https:\/\/euroconsum.eu\/?p=3717"},"modified":"2023-05-16T11:43:45","modified_gmt":"2023-05-16T09:43:45","slug":"das-lasso-und-der-tango","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/euroconsum.eu\/de\/2023\/05\/16\/das-lasso-und-der-tango\/","title":{"rendered":"Das Lasso und der Tango"},"content":{"rendered":"\n<p>Was hinter der wohl gef\u00e4hrlichsten, erlaubten Gesch\u00e4ftspraktik steckt, wie sie funktioniert \u2013 und was die EU dagegen tut. <\/p>\n\n\n\n<p>Unternehmen m\u00f6gen Regulierung nicht \u2013\u00a0dieser Satz scheint intuitiv richtig. Aber was, wenn das nur die halbe Wahrheit ist. In diesem Beitrag erkl\u00e4ren wir, welche Spannungsfelder in der Regulierung entstehen, nach welchen Grundlegen Maximen Regulierung funktioniert, welches die entscheidenden Faktoren sind, nach denen Unternehmen ihr Verhalten ausrichten. Abschlie\u00dfend stellen wir dar, warum der Umgang der EU trotzdem funktioniert und zu sehr guten Ergebnissen f\u00fchrt, \u2026 wenn man ihn l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p> <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">&#8222;Dancing with the regulator&#8220;.<\/h3>\n\n\n\n<p>Der &#8222;Tanz mit dem Regulierer&#8220; (engl. &#8222;Dancing with the regulator&#8220;) beschreibt eine Strategie, die Beziehungen zwischen Unternehmen und ihren staatlicher Regulierung beschreibt. Die daraus folgende Betachtung stellt die Idee in Frage, dass Regulierung f\u00fcr Unternehmen einschr\u00e4nkend und hinderlich sind. Statt dessen schl\u00e4gt die Theorie vor, dass ein &#8222;harmonischer&#8220; Tanz zwischen dem Unternehmen und dem Regulierer entstehen kann. Klar ist indes, welche Partei das Tanzpaar f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Grundlegend ist die Erkenntnis, dass eine Gesellschaft Regeln und Vorschriften ben\u00f6tigt, um das Zusammenleben zu organisieren und das Wohl aller zu gew\u00e4hrleisten. Regulierung kann helfen, Missbrauch zu verhindern, faire Bedingungen zu schaffen und das Funktionieren von Systemen zu gew\u00e4hrleisten. Vor diesem Hintergrund schlagen Verfechter des Prinzips vor, die Regulierer als Partner betrachtet, der dazu beitr\u00e4gt, die Grundlagen f\u00fcr ein &#8222;harmonisches Miteinander&#8220; zu schaffen. Gemeint ist damit selbstverst\u00e4ndlich ein Miteinander, in dem das Unternehmen weiterhin gute Gesch\u00e4fte machen kann. F\u00fcr den Regulierer bleibt die Rolle, in der er \u00f6ffentlich sein Gesicht wahren kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Der &#8222;Tanz mit dem Regulierer&#8220; erkennt an, dass es ein &#8222;Gleichgewicht&#8220; zwischen individueller Freiheit und kollektiven Bed\u00fcrfnissen geben muss. Es geht in seiner Praxis vorgeblich darum, die Rechte und Freiheiten des Einzelnen zu respektieren, w\u00e4hrend gleichzeitig (angeblich) das Gemeinwohl gesch\u00fctzt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Tanz mit dem Regulierer geht es auch darum, dass Regulierung transparent, fair und zug\u00e4nglich sein soll. Die Regeln sollten klar definiert und f\u00fcr alle verst\u00e4ndlich sein, sodass jeder die M\u00f6glichkeit hat, sich daran zu halten. Die Zusammenarbeit zwischen dem Einzelnen und dem Regulierer sollte auf Vertrauen und Dialog basieren, um gemeinsame L\u00f6sungen zu finden und Verbesserungen voranzutreiben. Klingt gut, oder?<\/p>\n\n\n\n<p>Eine wichtige Komponente des Konzepts &#8222;Tanz mit dem Regulierer&#8220; ist die Flexibilit\u00e4t. Regulierung sollte nach Ansicht der Protagonisten des Tanz-Prinzips nicht &#8222;starr&#8220; sein, sondern sich an ver\u00e4nderte Bedingungen und Bed\u00fcrfnisse anpassen k\u00f6nnen. Man fordert daher eine kontinuierliche \u00dcberpr\u00fcfung und Anpassung der Vorgaben, um sicherzustellen, dass die Regeln &#8222;effektiv&#8220; bleiben und den &#8222;aktuellen Herausforderungen&#8220; gerecht werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tanz mit dem Regulierer wird oft auch als Metapher der Bildsprache verstanden: die Metapher suggeriert, dass man sich &#8211; wie beim klassischen, europ\u00e4ischen Paartanz &#8211; &#8222;aneinander anzupassen&#8220; und &#8222;aufeinander zuzugehen&#8220;, um einen gemeinsamen Weg \u00fcber das rutschige Parkett zu finden und &#8222;eine ausgewogene Balance&#8220; zu erreichen. In keinem Fall soll man miteinander respektlos und rob umgehen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Verbrauchende tanzen nicht mit<\/h3>\n\n\n\n<p>Schon bald f\u00e4llt aber auf, dass Verbrauchende nicht mittanzen. Eine Gleichsetzung von Regulierer und Verbrauchenden wird oft insinuiert, ist aber in der Praxis alles andere als Garantiert oder auch nur \u00fcblich. In der Regel unterliegt n\u00e4mlich der Regulierer einem inh\u00e4renten Zielkonflikt: Will er auf der Seite der Verbrauchenden auftreten und die unternehmerische Macht beschr\u00e4nken oder will er &#8211; ganz im Gegenteil &#8211; Wirtschaftspolitik betreiben, die die Interessen der Unternehmen sch\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Unternehmen sind schnell dabei, gr\u00fcnde anzuf\u00fchren, warum eine Regulierung &#8222;im Kern vielleicht ganz in Ordnung&#8220; ist, konkret aber &#8222;viel zu weit geht&#8220;. Typischerweise finden sich folgende Argumente:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Komplexit\u00e4t und B\u00fcrokratie: Regulierung k\u00f6nne oft komplex und b\u00fcrokratisch sein. Zu viele Regeln und Vorschriften k\u00f6nnten die Handlungs- und Entscheidungsfreiheit einschr\u00e4nken und w\u00fcrden zu einem hohen Verwaltungsaufwand f\u00fchren.<\/li>\n\n\n\n<li>Innovationshemmung: Zu strenge oder unflexible Regulierungen w\u00fcrden angeblich die Innovationskraft und Kreativit\u00e4t behindern. Unternehmen w\u00fcrden in der Folge davon abgehalten werden, neue Ideen umzusetzen oder neue M\u00e4rkte zu betreten, da die Regulierung zu hohe Barrieren schafft.<\/li>\n\n\n\n<li>Kosten und Ressourcen: Regulierung hat einen Preis, sei es in Form von Geb\u00fchren, Compliance-Aufwand oder mindestens der Anpassungen von Prozessen. Insbesondere f\u00fcr kleine Unternehmen k\u00f6nnen diese Kosten eine Belastung darstellen und ihre Wettbewerbsf\u00e4higkeit beeintr\u00e4chtigen.<\/li>\n\n\n\n<li>Langsamer Entscheidungsprozess: Regulierung erfordere in der Regel einen langwierigen Entscheidungsprozess, der Konsens und Abstimmungen zwischen verschiedenen Interessengruppen verlange. Dies w\u00fcrde zu Verz\u00f6gerungen f\u00fchren und es schwierig machen, schnell auf sich \u00e4ndernde Bedingungen oder neue Herausforderungen zu reagieren.<\/li>\n\n\n\n<li>Unbeabsichtigte Konsequenzen: Regulierung habe unvorhergesehene bzw. unbeabsichtigte &#8222;Nebenwirkungen&#8220; oder f\u00fchre zu unerw\u00fcnschten Ergebnissen. Ein zu starker Fokus auf die Regulierung bestimmter Aspekte f\u00fchre dazu, dass andere wichtige Aspekte vernachl\u00e4ssigt w\u00fcrden.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Das Missverh\u00e4ltnis liegt auf der Hand: w\u00e4hrend sich des Unternehmen gegen\u00fcber dem Regulierer stets ausgenommen h\u00f6flich und zuvorkommend verhalten wird, spielt die Art und Weise, wie das Unternehmen mit Verbrauchenden und ihren Rechten umgeht im Verh\u00e4ltnis zum Tanzpartner Regulierer keine Rolle.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Einhegen des Regulierers<\/h3>\n\n\n\n<p>Der Tanz mit dem Regulierer ist in der Praxis nur die Eine Seite der Medaille. Die andere Seite derselben Medaille ist das so genannte Einfangen des Regulierers (&#8222;Regulatory Capture&#8220;). <\/p>\n\n\n\n<p>ingDas Konzept des &#8222;<strong>Regulatory Capture<\/strong>&#8220; bezieht sich auf eine Situation, in der die Regulierungsbeh\u00f6rden, die eigentlich dazu bestimmt sind, das \u00f6ffentliche Interesse zu sch\u00fctzen, von den Interessen derjenigen beeinflusst werden, die sie regulieren sollen. Es handelt sich um eine (schwer erkennbare) Form des Lobby, bei der private Interessen die Kontrolle \u00fcber den Regulierungsprozess gewinnen und die regulatorische Entscheidungsfindung in ihrem eigenen Sinne beeinflussen. Es ist sozusagen die logische Fortsetzung des Tanzes. W\u00e4hren beim Tanz noch \u00fcber die Regeln verhandelt wird, nach denen Reguliert werden soll, spielt sich das &#8222;Einhegen&#8220; zeitlich danach ab und nimmt die Anwendung der Regeln in den Blick.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei &#8222;Regulatory Capture&#8220; besteht konkret die Gefahr, dass die Regulierungsbeh\u00f6rden ihre eigentliche Aufgabe, das \u00f6ffentliche Interesse zu sch\u00fctzen, vernachl\u00e4ssigen und stattdessen die Interessen der regulierten Unternehmen oder anderer beteiligter Parteien priorisieren. Dies kann zu einem Mangel an wirksamer \u00dcberwachung oder zu einer unangemessenen (schwachen) Regulierung f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt verschiedene Wege, wie &#8222;Regulatory Capture&#8220; stattfinden kann. Eine M\u00f6glichkeit besteht darin, dass die regulierten Unternehmen versuchen, den Regulierungsprozess zu beeinflussen, indem sie politischen Druck aus\u00fcben, finanzielle Anreize bieten oder sich in informelle Netzwerke einbinden, um ihre Interessen durchzusetzen. Kurz gesagt: &#8222;Man kennt sich&#8220;. Dies kann dazu f\u00fchren, dass die Regulierungsbeh\u00f6rden in ihren Entscheidungen voreingenommen werden und die Interessen der Unternehmen \u00fcber das \u00f6ffentliche Interesse stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Regulatory Capture&#8220; kann auch durch die sogenannte &#8222;revolving door&#8220;-Praxis beg\u00fcnstigt werden, bei der Personen zwischen Regulierungsbeh\u00f6rden und den Unternehmen hin und her wechseln. Dies kann zu Interessenkonflikten f\u00fchren, da die ehemaligen Regulierungsbeamten m\u00f6glicherweise den Einfluss der Industrie unterst\u00fctzen, mit der sie zuvor zusammengearbeitet haben, anstatt objektive Entscheidungen im \u00f6ffentlichen Interesse zu treffen. Oder umgekehrt: die Regulierung f\u00e4llt sanfter aus, weil sich Akteure der Regulierung einen sp\u00e4teren finanziellen Vorteil erhoffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Auswirkungen von &#8222;Regulatory Capture&#8220; k\u00f6nnen noch schwerwiegender sein als die des &#8222;Tanzes&#8220;. Konkret kann es zu Marktverzerrungen, unfairem Wettbewerb, mangelnder Rechenschaft und einem Vertrauensverlust in die Regulierungsbeh\u00f6rden f\u00fchren. Das \u00f6ffentliche Interesse und die Schutzmechanismen, die Regulierungen bieten sollen, k\u00f6nnen dadurch erheblich nachteilig beeintr\u00e4chtigt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Praxis des &#8222;Regulatory Capture&#8220; kann eine Reihe von nachteiligen Auswirkungen haben. Konkret:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Interessenkonflikte: &#8222;Regulatory Capture&#8220; kann zu schwerwiegenden Interessenkonflikten f\u00fchren, bei denen Regulierungsbeh\u00f6rden in erster Linie die Interessen der regulierten Unternehmen oder bestimmter Interessengruppen vertreten, anstatt das \u00f6ffentliche Interesse zu wahren. Dies f\u00fchrt zu einem Verlust der Unabh\u00e4ngigkeit und der F\u00e4higkeit, objektive und ausgewogene Entscheidungen zu treffen.<\/li>\n\n\n\n<li>Schutz etablierter Marktmacht: Wenn regulierte Unternehmen die Kontrolle \u00fcber Regulierungsbeh\u00f6rden oder -prozesse erlangen, k\u00f6nnen sie die Regulierungen zu ihrem eigenen Vorteil nutzen, um ihre Marktmacht zu sch\u00fctzen oder zu erweitern. Dies kann zu Monopolen oder Oligopolen f\u00fchren und den Wettbewerb auf dem Markt erheblich beeintr\u00e4chtigen, was wiederum zu h\u00f6heren Preisen und einer geringeren Auswahl f\u00fcr Verbrauchende f\u00fchrt.<\/li>\n\n\n\n<li>Schw\u00e4chung der Rechte der Verbrauchenden: &#8222;Regulatory Capture&#8220; kann dazu f\u00fchren, dass Verbraucherrechte vernachl\u00e4ssigt werden. Regulierungsbeh\u00f6rden k\u00f6nnten z\u00f6gern, strenge Vorschriften f\u00fcr Unternehmen tats\u00e4chlich durchzusetzen, die Verbraucherinnen und Verbraucher sch\u00fctzen sollen. Dies kann zu einer geringeren Qualit\u00e4t von Produkten oder Dienstleistungen, einer mangelnden Transparenz, zu \u00dcbervorteilung oder einem unzureichenden Schutz der Privatsph\u00e4re f\u00fchren.<\/li>\n\n\n\n<li>Verlust des \u00f6ffentlichen Vertrauens: Wenn Regulierungsbeh\u00f6rden als Teil des Problems wahrgenommen und ihre Entscheidungen als von privatwirtschaftlichen Interessen motiviert angesehen werden, f\u00fchrt dies zu einem Verlust des \u00f6ffentlichen Vertrauens. Die Bev\u00f6lkerung kann an der Wirksamkeit und Integrit\u00e4t der Regulierung zweifeln, was die Akzeptanz und Legitimit\u00e4t von Regulierungsma\u00dfnahmen insgesamt beeintr\u00e4chtigt.<\/li>\n\n\n\n<li>Mangelnde Innovation und Fortschritt: Wenn Regulierungsbeh\u00f6rden von den Interessen der regulierten Unternehmen beeinflusst werden, besteht die Gefahr, dass neue innovative Ans\u00e4tze oder alternative L\u00f6sungen unterdr\u00fcckt werden. Dies kann zu einem Innovationsstau f\u00fchren, da Unternehmen, die von den bestehenden Regulierungen profitieren, wenig Anreiz haben, neue Technologien oder Verfahren zu entwickeln, die m\u00f6glicherweise eine bessere Alternative darstellen k\u00f6nnten.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Wichtig ist, zu verstehen, dass auch kleine Unternehmen und Startups negativ von Regulatory Capture beeinflusst werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese nachteiligen Auswirkungen von &#8222;Regulatory Capture&#8220; verdeutlichen die Notwendigkeit, Ma\u00dfnahmen zu ergreifen, um die Unabh\u00e4ngigkeit und Integrit\u00e4t von Regulierungsbeh\u00f6rden zu gew\u00e4hrleisten. Eine wirksame Aufsicht, strenge Ethikregeln, Transparenz und eine starke Beteiligung der Zivilgesellschaft k\u00f6nnen dazu beitragen, die Risiken von &#8222;Regulatory Capture&#8220; zu minimieren und sicherzustellen, dass die Regulierung tats\u00e4chlich im \u00f6ffentlichen Interesse erfolgt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Antwort der EU: die zivilgesellschaftlichen Regulierer<\/h3>\n\n\n\n<p>Die EU hat sich bereits fr\u00fch das Ziel gesetzt, eines der global h\u00f6chsten und besten Niveaus f\u00fcr den Schutz der Rechte der Verbrauchenden erzielt. Und in den 2020er Jahren hat sie dieses Ziel nach Ansicht vieler Beobachter Weltweit auch erreicht. Dies ist umso erstaunlicher, weil es  keine EU-Durchsetzungsbeh\u00f6rden gibt. Es gibt also keine EU-Polizeibeh\u00f6rde f\u00fcr den Schutz der Konsumenten. Statt dessen mussten Rechtsakte der Union immer durch nationale Beh\u00f6rden durchgesetzt werden. Und hier kam es sehr schnell zu einer Opposition gegen &#8222;die Regeln aus Br\u00fcssel&#8220;. Die Folge war ein mit H\u00e4nden greifbares &#8222;<strong>Underenforcement<\/strong>&#8220; in weiten Teilen des Unionsrechts. Die Situation zu eine Vielzahl von Witzen und zynischen Kommentaren nach sich. Es gab es etwa den deutschen Reim: &#8222;In Br\u00fcssel erdacht, zuhause verlacht&#8220; oder &#8222;gelesen, gelacht, gelocht&#8220; (read, laughed, punched).<\/p>\n\n\n\n<p>Lange waren erst das Gemeinschaftsrecht und dann das Unionsrecht also Papiertiger: auf dem Papier toll, in der Praxis faktisch unwirksam. Die Antwort Br\u00fcssels auf dieses &#8211; aus Sicht des EU-Parlaments und der Kommission beklagenswerten Zustand &#8211; kam sp\u00e4t, aber sie kam. An der Durchsetzungskompetenz der Mitgliedsstaaten wurde nicht ger\u00fcttelt, aber es wurde sichergestellt, dass die Durchsetzung immer auch durch unabh\u00e4ngige Verbraucherschutzverb\u00e4nde (im EU-Jargon etwas unromantisch &#8222;qualifizierte Einrichtungen&#8220; genannt) erfolgen kann. Der Weg hierhin war kein ein Spaziergang.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Beginn der 1990er Jahre begann die EU mit einer Gesetzgebungsinitiative zum Schutz von Verbrauchenden vor <strong>missbr\u00e4uchlichen Vertragsklauseln<\/strong> (<a href=\"https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/EN\/TXT\/HTML\/?uri=CELEX:31993L0013\">https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/FR\/TXT\/HTML\/?uri=CELEX:31993L0013<\/a>). W\u00e4hrend diese Richtlinie noch keinen kollektiven Rechtsschutz vor sah, wurde in der Folge klar, dass es wenig n\u00fctzlich ist, den Rechtsschutz gegen missbr\u00e4uchliche Klauseln den Einzelnen aufzub\u00fcrden und es wurde in der folgenden Legislaturperiode die EU Unterlassungsklagen-Richtlinie (<a href=\"https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/ALL\/?uri=CELEX%3A31998L0027\">Directive 98\/27\/CE relative aux actions en cessation en mati\u00e8re de protection des int\u00e9r\u00eats des consommateurs<\/a>) beschlossen. Diese und die nachfolgenden Rechtsakte der EU f\u00fchrten zu einem Paradigmenwechsel in der Rechtsdurchsetzungspraxis. Nun sahen sich n\u00e4mlich die Unternehmen nicht nur einer zentralen Aufsichtsbeh\u00f6rde gegen\u00fcber (im Umgang mit der sie jahrelange Erfahrung hatten), sondern einer Vielzahl von Verb\u00e4nden unterschiedlichster Struktur, Ausrichtung und Gr\u00f6\u00dfe, die allesamt klagen konnten. Jedenfalls in der Theorie. <\/p>\n\n\n\n<p>Lange blieb aber ein entscheidender Konstriktionsfehler: wer <strong>Qualifizierte Einrichtung<\/strong> wird und bleibt wurde der Entscheidung der Mitgliedsstaaten \u00fcberlassen. Es gab kaum Vorgaben, zu den Anforderungen, die Verb\u00e4nde erf\u00fcllen m\u00fcssen, um Qualifizierte Einrichtung und damit klagebefugt zu werden. Lediglich war festgelegt, dass es in jedem Mitgliedsstaat mindestens eine solche Qualifizierte Einrichtung geben musste. Damit wurde die Entscheidung, wer als zivilgesellschaftlicher Regulierer auftreten kann, eine politische Entscheidung und der Lobby-Kampf verlagerte sich auf die Klagebefugnis [<a href=\"https:\/\/www.wiwo.de\/politik\/deutschland\/faktencheck-wie-serioes-ist-die-deutsche-umwelthilfe\/23937452.html\">1<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2018-12\/deutsche-umwelthilfe-unionsfraktion-verbandsklage-einschraenkung?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F\">2<\/a>, <a href=\"https:\/\/taz.de\/Friedrich-Merz-gegen-Umweltverbaende\/!5800010\/\">3<\/a>].<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"659\" src=\"https:\/\/euroconsum.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/image-1024x659.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-3720\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Ein besonders negatives Beispiel f\u00fcr den Missbrauch der Scharnierstellung der Mitgliesstaaten ist aber auch die <strong>Republik \u00d6sterreich<\/strong>. Denn dort wurde die Klagebefugnis durch einen Rechtsakt auf Bundesebene geregelt, der den Status als Qualifizierte Einrichtung unmittelbar verlieh. Einen allgemeines Zugangsverfahren f\u00fcr neue Verb\u00e4nde gab es dort lange nicht. Die EU-Datenschutzorganisation NOYB etwa, die in \u00d6sterreich ihren Sitz hat, wurde daher lange nicht klagebefugt. Es erhielt schlie\u00dflich die Klagebefugnis in Belgien durch <a href=\"https:\/\/www.ejustice.just.fgov.be\/cgi\/article_body.pl?numac=2020015708&amp;caller=list&amp;article_lang=F&amp;row_id=1&amp;numero=1&amp;pub_date=2020-10-08&amp;language=fr&amp;du=d&amp;fr=f&amp;choix1=ET&amp;choix2=ET&amp;fromtab=+moftxt+UNION+montxt+UNION+modtxt&amp;nl=n&amp;trier=promulgation&amp;text1=noyb&amp;sql=((+htit+contains++(+%27noyb%27)++++++)+or+(+text+contains++(+%27noyb%27)++++++))&amp;rech=2&amp;tri=dd+AS+RANK+#top\">ministeriellen Erlass<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <strong>Bundesrepublik Deutschland<\/strong> fiel und f\u00e4llt auch dadurch auf, dass es zwar ein Zulassungsverfahren f\u00fcr neue Qualifizierte Einrichtungen etabliert hat, zugleich aber eine Vielzahl von teils widerspr\u00fcchlichen Regelungen etabliert hat, die Verb\u00e4nde erf\u00fcllen m\u00fcssen, um qualifizierte Einrichtung zu werden. Die <strong>italienische Republik<\/strong> fiel andererseits dadurch auf, dass dort eine extrem hohe Zahl an Mitgliedern erforderlich war (mehrere tausend Mitglieder aus unterschiedlichen Landesteilen).<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">&#8222;Dieselgate&#8220;<\/h3>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich kam &#8222;Dieselgate&#8220;. Das Wort &#8222;Dieselgate&#8220; beschreibt einen Skandal, der im Jahr 2015 die deutsche Volkswagen-Gruppe ersch\u00fctterte und sp\u00e4ter auch andere, vor allem aber deutsche Autohersteller betraf. Es wurde entdeckt, dass Volkswagen und seine Tochterunternehmen Softwaremanipulationen an Dieselfahrzeugen vorgenommen hatten, um die Emissionswerte bei Tests zu manipulieren. Die betroffenen Fahrzeuge schienen die strengen Umweltauflagen scheinbar einzuhalten, w\u00e4hrend sie im normalen Stra\u00dfenbetrieb viel h\u00f6here Schadstoffemissionen verursachten. Die Enth\u00fcllung hatte weltweite Auswirkungen auf die Automobilindustrie und f\u00fchrte zu massiven R\u00fcckrufen, rechtlichen Konsequenzen, Strafen und einem erheblichen Ansehensverlust f\u00fcr Volkswagen. Der Dieselgate-Skandal hat das Bewusstsein f\u00fcr die Notwendigkeit von strengeren Emissionsstandards und transparenteren Testverfahren in der Automobilbranche gesch\u00e4rft. Mit der Durchsetzung von Verbrauchendenrechten taten sich die Staaten &#8211; allen voran Deutschland &#8211; aber schwer.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Juncker_Commission\">Kommission Juncker<\/a> nahm den Vorgang schlie\u00dflich zum Anlass f\u00fcr eine umfassende Gesetzesinitiative: den &#8222;<a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/commission\/presscorner\/detail\/en\/IP_18_3041\">Consumer New Deal<\/a>&#8222;. Teil des New Deal-Ansatzes war die Neuregelung der Rechtsdurchsetzung. Die Durchsetzung der Rechte der Verbrauchenden sollte grenz\u00fcberschreitend und unproblematisch erfolgen k\u00f6nnen. Au\u00dferdem sollte es zum ersten Ma\u00df in der EU einheitliche Regeln nur nur f\u00fcr Unterlassung sondern auch f\u00fcr Schadenersatz geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Kommission und Parlament waren schnell \u00fcberzeugt, aber der Rat, in dem die Regierungen der Mitgliedsstaaten vertreten sind, signalisierte, die neuen Regeln nicht mittragen zu wollen und die Initiative geriet daraufhin in eine Sackgasse. Es folgte ein langwieriges und dem Vernehmen nach sehr schwieriges <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Trilog\">Trilog-Verfahren<\/a>. Hauptstreitpunkt war die Frage, welche Kriterien Qualifizierte Einrichtungen erf\u00fcllen m\u00fcssen, um k\u00fcnftig klagen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus Kreisen der Beteiligten haben wir erfahren, dass ein gro\u00dfer Mitgliedsstaat die Einigung lange \u00fcber den Rat blockiert haben soll, weil man ein besonderes Interesse daran gehabt habe, eine bestimmt besonders klagefreudige und letztlich missliebige qualifizierte Einrichtung nach nationalem Recht von der Klagebefugnis ausschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen. Belegen l\u00e4sst sich dies aber nicht. F\u00fcr die Deutschen PKW-Hersteller war aber bereits eine Verz\u00f6gerung der Richtlinie ein Erfolg.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Einigung war eine geradezu salomonische: nach dem Kompromisstext behielten die Mitgliedsstaaten die M\u00f6glichkeit eigene Kriterien f\u00fcr nationale Qualifizierte Einrichtungen aufzustellen. Andererseits aber musste es jeder Mitgliedsstaat zulassen, dass eine ausl\u00e4ndische Qualifizierte Einrichtung vor den nationalen Gerichten klagt. Au\u00dferdem musste es in jedem Land ein unionsweit einheitliches Verfahren geben, nach dem eine Klagebefugnis f\u00fcr Klagen im Ausland erlangt werden kann. W\u00e4hrend also zum Beispiel Deutschland an einem komplexen Regelwerk f\u00fcr Qualifizierte Einrichtungen beibehalten durfte, soweit diese Einrichtung in Deutschland sitzen und in Deutschland klagen, musste es zugleich ein Verfahren einf\u00fchren, nachdem ein deutscher Verband die Klagebefugnis f\u00fcr Verfahren au\u00dferhalb Deutschlands erteilt werden muss. Die Besonderheit: die Kriterien hierf\u00fcr sind in der ganzen EU einheitlich und gelten daher auch f\u00fcr Verb\u00e4nde, die eine Befugnis f\u00fcr Auslandsklagen in einem anderen Mitgliedsstaat erworben haben und in Deutschland klagen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend einige Staaten also weiterhin auf ein hohes Klageniveau verweisen konnten, waren aus der Sicht von Kommission und Parlament dennoch die Weichen f\u00fcr einen einheitliche Durchsetzung jedenfalls in nicht allzu ferner Zukunft gestellt.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h3>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">&#8222;Tanz mit dem Regulierer&#8220;<\/h4>\n\n\n\n<p>Robert F. Himmelberg: Criminal Justice and Regulation Revisited &#8211; Essays in Honour of Peter Grabosky,  \u00b7 1994, p. 170<\/p>\n\n\n\n<p>Peter Cane, \u200eHerbert Kritze: The Oxford Handbook of Empirical Legal Research, p. 161<\/p>\n\n\n\n<p>Claire A. Hill, \u200eRichard W. Painter: Better Bankers, Better Banks: Promoting Good Business\u2026, 2015, p. 130<\/p>\n\n\n\n<p>Gail Pearson: Financial Services Law and Compliance in Australia, 2009, p. 13 <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was hinter der wohl gef\u00e4hrlichsten, erlaubten Gesch\u00e4ftspraktik steckt, wie sie funktioniert \u2013 und was die EU dagegen tut. Unternehmen m\u00f6gen Regulierung nicht \u2013\u00a0dieser Satz scheint intuitiv richtig. Aber was, wenn das nur die halbe Wahrheit ist. In diesem Beitrag erkl\u00e4ren wir, welche Spannungsfelder in der Regulierung entstehen, nach welchen Grundlegen Maximen Regulierung funktioniert, welches die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3717","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/euroconsum.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3717","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/euroconsum.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/euroconsum.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/euroconsum.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/euroconsum.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3717"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/euroconsum.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3717\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3721,"href":"https:\/\/euroconsum.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3717\/revisions\/3721"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/euroconsum.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3717"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/euroconsum.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3717"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/euroconsum.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3717"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}